Pepples

Pepples, eine am 3. Juni 1996 geborene Pinto-Stute, trat im Alter von 6,5 Jahren in mein Leben. Erzählungen zufolge fristete sie bis dato in einer verdreckten Box und entbehrte daher jeglicher Möglichkeit, sich physisch und sozial normal zu entwickeln.

 

Nachdem ich mich entschloss, Pepples zu kaufen, um sie vor einem schlimmen Ende zu bewahren, blieb ihr wundervolles Wesen noch viele Jahre lang verschüttet unter den Traumata früherer Misshandlungen und gravierenden körperlichen und seelischen Defiziten, u.a. einem stark ausgeprägten, schmerzhaften Senkrücken. Alles außerhalb des Stalls machte Pepples Angst und jeder Meter Spaziergang kostete sehr viel Zeit und Nerven. Pepples konnte weder richtig galoppieren, noch sonst koordinierte, schmerzfreie Bewegungen zeigen. In der Herde offenbart sich ihr freundliches, aber auch schnell von anderen Pferden eingeschüchtertes und unterwürfiges Wesen, weshalb die Menschen sie immer wieder gern als unkomplizierte Gesellschafterin, quasi als „Opferanode“ für Weide, Paddock und Offenstall, missbrauchten. Daraus resultierender Stress und Futtermangel führten zu Koliken, Klinikaufenthalt und einem bis heute latenten Magengeschwür.

 

Trotz ihrer Menschenbezogenheit war sie kopfscheu; unüberlegte, schnelle Armbewegungen oder Berührungen lösten große Angst und Abwehr durch Beißen, Schlagen, an-die Boxenwand-drücken und Steigen aus. Leider ist dies bis heute geblieben, wenn man sich ihr zu forsch nähert und ihr Anzeigen von Unbehagen oder Schmerzen nicht respektiert. Ein durch Dauerstress tumorös entarteter Eierstock, zu dessen operativer Entfernung ich mich um ein Haar hätte überreden lassen, tat sein Übriges, dass Pepples jegliche Berührungen abwehrte. Nicht verwunderlich also, dass viele Menschen Angst vor ihr hatten und mir eindringlich zu härteren Erziehungsmaßnahmen dieser „Drecksau“ gegenüber rieten, da mich andernfalls „dieser Gaul noch umbringen würde“. Ein fataler Trugschluss, denn Pepples' damaliger „Ausbildungstand“ beschränkte sich auf Sattelzwang, Abwehr jeglicher reiterlicheren Einwirkung durch Kopfhochreißen, Rückwärtsdrängen, Buckeln, Steigen und in-die-Reiterbeine-beißen sowie Panik vor Gerte, Longe und anderen „Hilfsmitteln“.

 

Nachdem sämtliche zu Rate gezogenen Personen wie Reitlehrer, Bereiter, Tierärzte, Ostheopathen und Heilpraktiker, Horsemanship-Trainer, Pferdeflüsterer und Tierkommunikatoren sowie auch Reit- und Pflegebeteiligungen nicht helfen konnten, musste ich mir letztendlich eigene Wege suchen – Wege des kompletten Neuanfangs und der Kompromisse. Von vielen belächelt, erreichten wir wider allen Erwartungen und über die Jahre hinweg mittels Einfallsreichtum, Geduld und Verständnis mehr zusammen, als ich je zu wünschen gewagt hatte: Nach langen Jahren des bitteren Verzichts, vieler Tränen und des Haderns mit meinem Schicksal schließlich kooperierte Pepples mir zuliebe als temperamentvoller Geländepartner, herausforderndes Dressur- und eifriges Boden- und Freiarbeitspferd. Vom Ehrgeiz gepackt nahm ich mit ihr neben regelmäßigem Dressurunterricht sogar an Turnieren, Wanderritten und Festzügen teil. Als krönenden Abschluss hatte sie nach gut 10 Jahren so viel Vertrauen zu mir, dass sie sich von mir sogar noch einfahren und vor den Sulky spannen ließ.

 

Und dennoch: Pepples hörte nie auf, mir zu zeigen, dass herkömmliches Training und Reiten ihr Schmerzen bereiten. Und sie hörte nie auf, mir zu verstehen zu geben, dass ein Leben in Anlagen und Höfen mit üblichem Stallmanagement und die Gesellschaft von frustrierten Pferden und zweckorientiert denkenden Menschen sie (und auch mich) schlichtweg krankmachen.

 

Mit ihrem reinen und weisen Wesen, ihrer engelsgleichen Geduld und unermesslichen Güte öffnete sie mir schließlich doch noch die Augen, so dass ich im Sommer 2013 mit aller Entschlossenheit der Reiterei den Rücken kehrte. Eine bis dahin nie gekannte, tiefe und heilende Verbundenheit entstand und ließ mich bald endgültig mit der gesamten üblichen Pferdeszene brechen. So führte unser langer, leidvoller Weg - über viele Tränen der Aufarbeitung - zur Academia Liberti und schließlich hierher an diesen wundervollen Ort, an dem jegliche Stallodysseen und Selbstverleugnungen ein Ende finden und wir endlich frei dem Ruf unseres Herzens folgen dürfen.

 

 

 

Ich schätze es als großes Geschenk des Lebens, dass ich Pepples nun endlich ein artgerechtes, glückliches und selbstbestimmtes Leben - ohne Entbehrungen und Schmerzen - ermöglichen kann. Denn es lässt sich nicht in Worte fassen, was ich diesem Pferd alles zu verdanken habe <3

 

Impressionen 2018